Spanuth und die Elefantenritzungen von Tanum

von André Kramer

In diesem Jahr machte ich gemeinsam mit den beiden anderen Mysteria3000-Autoren René Mendler und Frank Dörnenburg eine Exkursionsreise durch Seeland/Dänemark und Schweden. Auf dem Programm standen u.a. auch die bronzezeitlichen Felsritzungen in Tanum, von denen der umstrittene Atlantisforscher Jürgen Spanuth behauptete, auf ihnen wären Tiere dargestellt, die in Afrika leben und während der Seefahrten der Urgermanen=Atlanter gesehen und im Fels dargestellt worden wären.

Angebliche Felsritzungen in Bohuslän, Schweden nach Spanuth 1998

Abb. 1: Angebliche Felsritzungen in Bohuslän, Schweden nach Spanuth 1998, S. 183 (Zeichnung: André Kramer). Original Bildunterschrift: “Afrikanische (?) Tiere auf den bronzezeitlichen Felszeichnungen von Bohuslän: a) Giraffen (?), b) Giraffe auf Schiff (?), c/d) Strauße (?), e) Panther (?), f) ?, g) Kamel (?), h) Kamel auf Schiff (?), i) Elefanten (?)”

Während die meisten dieser Darstellungen sicherlich auch andere Interpretationen finden könnten, war es vor allem die Darstellung i, die uns sehr faszinierte, fällt hier ein solcher Interpretationsspielraum weitestgehend weg. Elefanten auf schwedischen Petroglyphen? Sollte sich eine solche Felsritzung in Schweden finden lassen, so wäre das schon eine ungemein interessante Angelegenheit.

Gerade diese Darstellung ist es auch, die Spanuth im Rahmen seiner Atlantisthese wichtig erschien, erwähnt Platons Bericht schließlich Elefanten, die in historischen Zeiten sicherlich nicht in Nordeuropa zu finden waren. Auch wenn Spanuth hier von einer Verwechslung ausgeht und hinter dem Wort Elefant ein ägyptisch/germanisches Kauderwelsch vermutet, das für Hornträger wie Ochsen steht, [1] führt er schließlich eben diese Darstellungen an.

Am 19.07.2012 erreichten wir von Stockholm kommend dann die Region um Tanum und machten uns auf, die Felsritzungen in Vitlycke, Asperberget, Fossum, Litlesby und Torsbo zu besichtigen.

Verstreut in den Wälder und auf Bergen finden sich hunderte von Darstellungen. Schalengruben, Boote, Menschen bei unterschiedlichen Handlungen, Hand- und Fußabdrücke und verschiedene Tiere. Die meisten der Zeichnungen sind mit Farbe ausgemalt, was sie sehr gut sichtbar macht. Vereinzelt trifft man aber auch auf stark verwitterte Darstellungen, die farblich nicht hervorgehoben sind. Hier zeigte sich schon, dass je nach Licht/Schatten und Perspektive die Darstellungen eher erahnt und interpretiert werden müssen.

Tatsächlich fanden sich einige der Darstellungen die denen auf Spanuths Wiedergabe ähnelten, obgleich er keine konkret nachprüfbaren Ortsangaben machte.

Tierdarstellungen in Vitlycke, die den von Spanuth als Strauße und Giraffen gedeuteten ähneln

Tierdarstellungen in Vitlycke, die den von Spanuth als Strauße und Giraffen gedeuteten ähneln

Abb. 2 und 3: Tierdarstellungen in Vitlycke, die den von Spanuth als Strauße und Giraffen gedeuteten ähneln (Fotos: André Kramer)

Nicht finden konnten wir allerdings die für uns so interessanten “Elefantendarstellungen”.

Doch sollte uns der Zufall bei unserer Suche noch helfen. Etwas enttäuscht von unserem Misserfolg suchten wir uns am Abend eine Unterkunft in der Umgebung und fanden diese in einer schön gelegenen ökologisch getriebenen Pension, die von einem deutschen Auswanderer geführt wird. Als wir ihm die gesuchte Petroglyphe zeigten, sagte er, dass er uns zwar nicht weiterhelfen könne, aber wenn es einen gäbe, dann “Gerhard”, der Däne und der Experte zu den Ritzzeichnungen sei, da er diese dokumentiere und erforsche. Wir sollten ihn am folgenden Tag doch mal in Tanums Hällristningsmuseum Underlös einen Besuch abstatteten.

Somit brachen wir am Vormittag des folgenden Tages zu dem Museum auf und trafen dort tatsächlich Dr. Gerhard Milstreu an. Schnell bot er uns an, wir könnten mit ihm Deutsch sprechen und so trugen wir unser Anliegen vor. Schon bei der Erwähnung des Namens ‘Spanuth’ runzelte er die Stirn – “der ist gefährlich”, sagte er.

Trotzdem wollte er sich die Abbildungen mal ansehen und schauen, ob er uns weiterhelfen kann. Er erlaubte uns auch, das Gespräch mit ihm aufzuzeichnen. Ein Teil der transkribierten Aussagen soll im folgenden wiedergegeben werden. Aufgezeichnet wurde es, während er mit dem Finger über die Abbildungen bei Spanuth huschte:

Dr. Milstreu:
a), ah, das sind Giraffen, hat er interpretiert. Nein, das sind nicht, das sind Hirsche oder Pferde. Das ist ab und zu… Giraffen nein, nein, nein, nein (a und b). Strauße, nein, gibt es auch nicht, das sind Kraniche (zu c und d). Panther gibt es auch nicht (zu e und f), e), f)), das ist ein Hund. Kamele gibt es überhaupt nicht, natürlich (zu g), Kamele auf Schiff überhaupt nicht (zu h), Elefanten, nein. Das ist, ähm, ja, Spinnerei (zu i).

A. Kramer:
Also nicht existent?

Dr. Milstreu:
Die sind Spinnerei und auch, weil diese Bilder entstammen von, äh, einer der ersten Dokumentationen von Laurex (?) Baltzer, Ende Achtzehnhundert.

A. Kramer:
ok.

Dr. Milstreu:
Und, er hat sehr genau gearbeitet, aber die Felsen haben ja oft eine Oberfläche, sehr verwittert und deshalb ist es sehr (stark betont) schwierig zu sehen, genau, wie sehen die Figuren aus. Und deshalb sind die oft auch nicht exakt wiedergegeben. Und dann kann man natürlich auch verschiedene Interpretationen machen. Und dann sieht es aus, als ob.

A. Kramer:
Genau, sieht aus wie, ja.

F. Dörnenburg:
Das ist in der Paläo-SETI die typische Argumentation.

Dr. Milstreu:
Also, Kraniche, Hirsche oder, das sind hier mit kurzem Schwanz, Hirsche, ähm, das kann hier ein Hund sein, kann auch ein Pferd sein. Das ist ein Ochse, Schiff, ähm, und was das für eine große Töle ist, können sie nicht sehen, Nein, Nein, Nein.

F. Dörnenburg:
(zeigt auf Abbildung b) Und was ist das hier? Sieht aus wie eine Giraffe in einem Boot.

Dr. Milstreu:
Ja, das ist ein Boot, aber mit einem typischen Hirsch, wahrscheinlich.

F. Dörnenburg:
Ah, ok.

A. Kramer:
Könnte ja auch ne Überlagerung sein, nä?

Dr. Milstreu:
Ja, das gibt es natürlich auch, das kann man mit dieser Dokumentation nicht sehen, aber Überlagerungen, also super impositions, ist sehr, sehr normal.

A. Kramer:
Ja, klar, haben wir ja gestern auch gesehen, so ein paar, wo die sich dann überlagern.

Dr. Milstreu:
Hmmm (zustimmend), ja..

Damit ist also klar, dass Spanuth sich hier auf veraltete Quellen verlassen hat, die die schlecht erkennbaren Darstellungen zeichnerisch interpretierten. Elefantendarstellungen in den schwedischen Felsritzungen sind also nicht vorhanden!

Heutzutage sind die Wissenschaftler glücklicherweise nicht mehr dazu gezwungen, die Petroglyphen interpretativ zu rekonstruieren, sondern können diese auf andere Weise Originalgetreu wiedergeben. Neben den sehr kostspieligen Laserscans geschieht dies vor allen Dingen mittels der durch Dietrich Evers geprägten und perfektionierten Abreibungen. Hierbei werden die Ritzzeichnungen mittels Kohlepapier, Pflanzenfasern und Kohle abgerieben und so detailgetreu dargestellt, dass sogar der feine Felsschliff erkennbar wird, der von den Eismassen der letzten Eiszeit stammt. [2]

Viele der Darstellungen auf den skandinavischen Felszeichnungen sind noch nicht vollends verstanden, Deutungen gibt es, vor allem zu den Handlungen der abgebildeten Menschen, aber auch zu den Schalengruben und anderen Motiven viele. Doch exotische Tiere aus fernen Ländern scheint es dort nicht zu geben.

Wieder einmal zeigt sich also, dass Spanuths auf dem ersten Blick so beeindruckendes Beweis Ensemble weit weniger gut belegt ist, als dies so scheint.

Fußnoten

[1] Vgl. Spanuth 1998, S. 182 ff.
[2] Vgl. Evers 1985, S. 50 ff.

Literaturverzeichnis

Evers, Dietrich: Zur Dokumentation von Felsbildern. In: Capelle, Torsten: Geschlagen in Stein. Skandinavische Felsbilder der Bronzezeit. Hannover: Niedersächsisches Landesmuseum 1985

Spanuth, Jürgen: Die Atlanter. Volk aus dem Bernsteinland. 6. Auflage. Tübingen: Grabert 1998