Ausgegraben: Pedro de Cieza de Leon: Auf den Königsstraßen der Inkas

von André Kramer

In der alternativen Archäologie nehmen die archäologischen Relikte Südamerikas seit jeher eine Ausnahmestellung ein. Häufig wird über Alter, Urheberschaft und Bauweise alter Bauwerke rund um die Anden spekuliert. Da uns die Inka und andere Völker Südamerikas keinerlei schriftlichen Zeugnisse hinterlassen haben, bleibt den Forschern nur, aus dem Fundkontext heraus und den Berichten der spanischen Chronisten heraus zu urteilen.

Dem Werk von Pedro de Cieza de Leon kommt hier für die Geschichte Südamerikas vor der Eroberung durch die Spanier eine besondere Bedeutung zu. Der 1520 geborene und bereits 1554 verstorbene spanische Chronist, Soldat und Entdecker schrieb nämlich die erste Chronik der Herrschaft der Inka und beschrieb auch als erster viele Bauwerke und weitere Besonderheiten Südamerikas. Die Informationen hierzu stammen aus seinen eigenen Reisen. In Geleitschaft der spanischen Conquistadoren durchquerte er über viele Jahre ganz Südamerika, konnte die vielen Bauwerke der Andenkulturen selbst in Augenschein nehmen, mit den Eingeborenen sprechen. Seine steten Begleiter waren seine Notizbücher, in denen er alles erwähnenswerte notierte und am Ende zu seiner dreiteiligen Chronik zusammenfasste.

Cieza beschrieb als erster die Kartoffel (S. 153) und das Coca (S. 412 f.), aber auch Tempelanlagen Tiahuanacu.

Ganz besonders erstaunlich ist die kritische Grundhaltung, mit der die Informationen wiedergegeben werden. Cieza ging es nicht darum, ungeprüft alles aufzuführen, was ihm berichtet wurde, sondern prüfte alles so gut wie möglich. Was er nicht selbst sah oder erlebte, ließ er sich durch Gewährsmänner berichten und wog die Behauptungen gegeneinander ab.

Die Behauptung einiger seiner Landsleute etwa, in einer Steinstatue das Abbild eines Apostels mit Rosenkranz zu erblicken, überprüfte er mit eigenen Augen und stellte fest, dass das Unsinn und nichts dergleichen auf dem steinernen Abbild zu erkennen sei (S. 134 f.).

Auch wird er immer wieder zum Sprecher der Indianer und kritisiert das Vorgehen der Spanier und die Zerstörung der einheimischen Kultur, so schreibt er zum Beispiel über eine der Tempelanlagen:

“Die Spanier haben an ihm schon so viel Schaden angerichtet, daß mir der Gedanke an die Hirnlosigkeit unserer Machthaber zuwider ist, die zuließen, daß ein so herrliches Bauwerk zerstört wird. Hätten sie lieber bedacht, wieviel besser es für die Zukunft wäre, wenn sie es erhalten und pflegen würden!” (S. 286)

An anderer Stelle schreibt er, dass die ehemals so gastfreundlichen Indianer ob des grausamen Verhaltens der Spanier, diese nun hassen und sich schämen würden, ihnen gegenüber diese Freundlichkeit an den Tag gelegt zu haben (S. 462).

Tatsächlich helfen die Beschreibungen von Cieza auch, so manch ein vermeintliches Rätsel der alternativen Archäologie aufzuklären. Geht es etwa um den Transport der gewaltigen Steinblöcke, etwa im oben genannten Tempel, schreibt er, er hätte nie geglaubt, dass diese von Menschenhand bewegt werden konnten, doch konnte er sich mit eigenen Augen von den Schleifspuren überzeugen (S. 285 f.), auch besuchte er die Steinbrüche (S. 414).

Von den Ruinen Tiahuanacus zeigte Cieza sich tief beeindruckt. Er hielt sie für die ältesten steinernen Zeugnisse Perus (S. 439) und konnte sich keinen Reim darauf machen, wie die gewaltigen Steinblöcke an ihren Ort kamen. Auch seine Gewährsmänner konnten ihm nicht wirklich weiterhelfen. Man erzähle sich, dass die Anlage über Nacht da gewesen sei (S. 440). Und auch Cieza selbst hat seine Theorien, ein Volk sei lange vor den Inka in diese Region eingewandert und habe diese Tempel errichtet. Möglicherweise dieselben bärtigen Männer, von denen er auch auf der Insel Titicaca hörte (S. 440). Doch ist Cieza selbstkritisch genug, zu wissen, dass er hier nur spekuliert. Und so beklagt er schon im folgenden, dass es leider keine schriftlichen Überlieferungen gäbe, die dieses Geheimnis zu lösen imstande seien.

Anders sieht es bei der Geschichte der Inka aus, die geschichtlich sehr viel näher liegt, deren Würdenträger er noch befragen konnte und deren Geschichte über Balladen tradiert wurde.
Ein Beispiel hierfür liefert die Festung Sacsahuamán, über die Däniken spekuliert, man wisse nicht, wer sie wann mit welcher Technik erbaute und glaubt, diese sei zu dieser unbekannten Zeit gesprengt worden. [1]

Cieza bietet hier andere Antworten. Durch hohe Würdenträger der Inka und die überlieferten Balladen weiß er zu berichten, dass diese Festung von dem 9. Inka Huayna Capac errichtet worden sei und dieser die fleißigen Arbeiter, die keinen Arbeitstag versäumten, mit schillernden Festlichkeiten zu belohnen wusste (S. 398). Diese Aussage deckt sich auch mit anderen Chronisten, die dieses (nie vollendete) Bauwerk sind seiner letzten Erweiterung ebenfalls Huayna Capac zuschrieben. [2]

Alles in allem bietet und Ciezas Werk einen eindrücklichen Einblick in Leben und Geschichte der Andenvölker. Er beschreibt auführlich Land, Leute und Sitten und somit ist ‘Auf den Königsstraßen der Inkas’ ein wichtiges Recherchewerkzeug, möchte man sich den Rätseln dieser Kulturen annehmen.

Fußnoten

[1] Vgl. Däniken 1973, S. 101
[2] Vgl. Guidoni; Magni 1974, S. 136

Literaturverzeichnis

Däniken, Erich von: Meine Welt in Bildern. 2. Auflage. Düsseldorf und Wien: Econ 1973

Guidoni, Enrico; Magni, Roberto: Inka. Gütersloh: Bertelsmann 1974

Leon, Pedro de Cieza de: Auf den Königsstraßen der Inkas. Stuttgart: Steingruber 1971